Seit ich denken kann, bin ich kreativ und habe das Bedürfnis, mich gestalterisch auszuleben. Im Kindergarten klebte ich Blätter zusammen, malte Geschichten und ärgerte mich, dass ich noch nicht schreiben konnte, um den Erzählungen Leben einzuhauchen. In der Grundschule schrieb ich ganze Hefte voll und entleerte mein Innerstes auf den weißen Seiten.

Als ich vor kurzem meine Grundschullehrerin wieder traf, konnte sie sich nur an mich erinnern, weil ich immer geschrieben habe. Immer.

Blüte an Zweig - rapunzellounge.de

Auch das Experimentieren mit Farben war stets wie eine Sucht für mich gewesen. Ich malte immerzu dasselbe Motiv und träumte davon, eine erfolgreiche und berühmte Künstlerin zu werden.

Als Teenager gab ich mein ganzes Taschengeld für Malkurse aus und verkaufte sogar einige Bilder auf einem Hobbymarkt. Ich bewarb mich auf der Kunstfachoberschule und wurde abgelehnt. Doch dadurch ließ ich mich nicht aufhalten und lernte endlich richtig zeichnen.

Diese stille und beglückende Befriedigung, etwas geschaffen zu haben, einen Teil von meinem Innersten auf diese Welt gebracht zu haben, ist mit nichts vergleichbar.

Wenn die Kreativität nicht gelebt wird

Ich machte eine Ausbildung als Grafikerin und schrieb vier Bücher. Alles bevor ich 22 Jahre alt war. Und dann? Dann hörte ich einfach auf. Hörte auf zu schreiben, gab meine Malsachen weg, verkaufte mein Klavier.

Warum ich das tat?

Daran kann ich mich nicht einmal mehr genau erinnern. Irgendwie dachte ich, es würde keinen Sinn mehr machen, und es wäre an der Zeit, erwachsen zu werden und einem richtigen Job nachzugehen. Zu studieren, Geld zu verdienen und ein bürgerliches Leben zu führen.

Ich fühlte mich innerlich ausgebrannt und hatte nichts mehr zu geben. Aber das Leben ging weiter, und ich musste Geld verdienen. Ich dachte an die vielen Menschen, die ihre Kreativität verstecken oder schlicht und ergreifend nicht das Bedürfnis haben, sich auf diese Weise auszudrücken.

Wenn sie auf diese Weise glücklich sein konnten, wieso dann nicht ich?

Ich wollte »normal« sein, mit normalen Dingen zufrieden sein und einem geraden Weg folgen können. Also hörte ich auf zu malen, zu schreiben und mich der Musik hinzugeben. Ich hörte einfach auf und vergaß, was mich all die Jahre so glücklich gemacht hatte.

Mein Leben wurde grau, traurig und ich fühlte mich jeden Tag unglücklicher. Ich weinte oft, fand keinen Sinn mehr im Leben und fand keinen vergleichbaren Ersatz. Und es ist nicht so, als hätte ich nicht gesucht. Ich arbeitete in fünf verschiedenen Jobs und probierte mich aus. Doch nichts gefiel mir.

Sieben Jahre später

Carina Schwickart mit Baby - rapunzellounge.de

Sieben Jahre später, eine abgebrochene Ausbildung, ein abgebrochenes Studium, alleinerziehend und einsam wachte ich wieder auf.

Die Kreativität erwacht

Ich weiß nicht genau was passiert ist, aber ich fange gerade erst wieder an zu leben. Mein Leben zu leben.

Ich lerne Zeichnen, von neuem. Ich schreibe ein Buch, betreibe einen Blog, möchte als Illustrator arbeiten und träume davon, Kunstunterricht zu geben.

Zeichnung Elefant - rapunzellounge.de

Kreativ zu sein ist nicht nur ein Geschenk. Es kann auch ein Fluch sein, und manchmal macht es mich einsam. An anderen Tagen bin ich so glücklich, dass ich weinen könnte.

Kreativität schläft nie, sie überfällt einen nachts oder in einem Gespräch mit dem Liebsten. Der Druck kann so groß werden, dass man denkt, man zerspringt, wenn man die Idee nicht aus seinem Kopf lässt. Wenn man die Worte nicht schreibt, das Bild nicht malt. Ist die Idee heraus, fühlt man sich glücklich und gleichzeitig leer. Es ist ein nicht enden wollender Kreislauf. Und doch …

Buch Das Glücksschwein - rapunzellounge.de

Seit ich aus dem tiefen Nebel zurückgekehrt bin zu meiner Kreativität, ist das Leben bunter und lebenswerter.

Plötzlich macht das Leben wieder Spaß.

Plötzlich hat mein Leben wieder einen Sinn.

Ich lasse meiner Kreativität wieder Raum, lasse sie fließen und akzeptiere, dass sie zu mir gehört. Ich bin endlich bereit, den tausend Ideen in meinem Kopf Platz in meinem Leben zu lassen. Ich bin jetzt stark genug, mich nicht mehr in Formen pressen zu lassen und meine eigenen Erwartungen, statt die Erwartung anderer zu erfüllen.

Carina Schwickart ist Autorin zweier Bücher, Kinderbuchillustratorin und hilft anderen, ihre Texte in schöne Worte zu verpacken. In ihrer Freizeit rettet sie gerne kranke Enten und versucht durch Kunst die Welt zu einem schöneren Ort zu machen. Verbinde dich mit ihr auf Facebook. Ihre Website fraumami.net
Alle Bilder von Carina Schwickart Rapunzel-Lounge bei Goggle+

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