Wie alle Märchen ist auch Rapunzel von den Gebrüdern Grimm vielschichtig zu interpretieren. Es gibt einige sehr interessante Beiträge im Web, die mich inspiriert haben, mein Blog „Rapunzel-Lounge“ zu nennen.

Meine Ausführung ist eher intuitiv und assoziativ entstanden als systematisch, und ich betrachte hier auch nur die Frauenrolle, da dies das Thema dieses Blogs ist.

(Grundgedanken und Anregungen von www.maerchenapfel.de)

Die Walt Disney Studios haben Rapunzel – Neu verföhnt freier interpretiert und die Geschichte etwas werbewirksamer und romantischer umgestaltet.

Hier nun zum Original der Gebrüder Grimm:

«Ein Paar hatte in seinem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward.»

Welche Rolle spielt das Paar?

Was sagt uns dies über die Beziehung? Wir haben es mit einem Paar zu tun,

  • das einen sehr wichtigen Bereich seines Lebens ausklammert (den Bereich, der es nährt und wachsen lässt) und
  • das sich passiv verhält und dadurch nicht das erhält, was es zum Leben braucht.

Besonders zeigt sich dies in der Lebenseinstellung der Frau. Symbolisch steht ein üppiger Garten für die Welt, die durch die Kraft der Frau zum Blühen und Gedeihen gebracht wird. Lebt sie diesen Bereich nicht, so hat sie einen Teil in ihrer Seele ausgeschlossen, den sie dringend leben müsste. Davor hat sie aber Angst.

Sie hat Angst vor der Zauberin, und damit wird klar, wer die Zauberin ist: die dunkle ungelebte Seite der Frau.

Die Frau und die Zauberin sind eins!

Also steht der durch die Zauberin bewachte Garten für den seelischen Bereich, den sich jede Frau in ihrer weiblichen Entwicklung erobern sollte.

Und jede Frau trägt die Macht in sich, ihren eigenen Garten anzulegen, ihren Lebensraum zu gestalten und ihre herrliche Welt zu erschaffen, die alles zum Leben bereit hält.

Die Frau hier im Märchen kommt gar nicht auf die Idee, selber etwas zu tun, um sich ihren Garten zu erobern. Sie verharrt tatenlos und hofft, dass etwas geschieht. Sie ist lüstern auf fremdes Gut und maßlos, nur fixiert auf die materielle Welt.

Auch dass ihr Mann nun das tut, was eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre, stillt ihr Begehren nur für kurze Zeit. Ihre Sehnsucht wird bestehen bleiben, und sie wird nicht zur Ruhe kommen, solange sie sich nicht selbst aufmacht und ihre Angst überwindet.

Im Märchen wird die Frau vollkommen unselbständig dargestellt, kindlich hoffend, alles zu bekommen, was sie braucht und selber nichts Aktives dazu beitragen zu müssen. Sie schaut nur auf den bunten Garten und die grünen Rapunzeln, und durch ihre Untätigkeit bleibt ihr Leben unausgefüllt und voller Sehnsucht – nach Leben und Liebe. Wenn sie ganz alltägliche Aufgaben übernehmen würde, die ihr einen Lebensinhalt geben, könnte dies ihr Verlangen und ihre Lust stillen und sie mit sich ins Gleichgewicht bringen.

Die Rolle des Mannes

Auch bei dem Mann wird klar, dass

  • er seine eigenen Wünsche weit zurück stellt
  • er alles tut – auch Verbotenes, damit es seiner Frau gut geht
  • der Mann die gleichen Ängste hat wie seine Frau
  • er genauso wenig wie sie in der Lage ist, sein Leben zu leben
  • er Angst hat, seine Frau könne sich von ihm abwenden

Warum verspricht der Mann im Märchen der Zauberin aus Angst das Kind, das das Paar erwartet? Es ist das Liebste, was die Eltern haben und sich wünschen!

Ein Mann, dessen Leben sozusagen nur um seine Frau kreist, die Passivität seiner Frau stützt, der ihre Aufgaben übernimmt, aus Angst, sie zu verlieren, der wird sein Kind an seine Frau verlieren. Die Zauberin steht für die unerlöste Seite der Frau; der Frau, die noch zu viel Angst hat, ihren Platz im Leben einzunehmen. Beide, Mann wie Frau, haben ihren Entwicklungsschritt in die Eigenständigkeit noch nicht gewagt.

Das Mädchen Rapunzel

Gleich nach der Geburt holt sich die Zauberin das Kind und gibt ihm den Namen Rapunzel.

Das Mädchen trägt nun den Namen dessen, wonach die Mutter sich sehnte.

So weist also schon der Name darauf hin, dass die Mutter das Kind völlig für sich beansprucht und die Befriedigung all ihrer Wünsche und Sehnsüchte von ihrem Kind erwartet. Die Zauberin – also die angstvolle Seite der Mutter, die es versäumt hat, ihren Garten zu bestellen – macht die Tochter zu ihrer Welt. Mit Rapunzel hat sie sich ein Stück von der bunten Lebendigkeit des Lebens ins Haus geholt und nimmt nun daran teil.

(Im weiteren Verlauf werde ich die Mutter mit ihrer unerlösten Seite und Frau Gothel synonym verwenden).

Frau Gothel, wie die Zauberin heißt, braucht die Tochter zum Leben, sie ist ihr ganzer Lebensinhalt. Mit der Pubertät beginnt ein Entwicklungsprozess, in dem sich Töchter von ihren Müttern abnabeln möchten. Das aber kann Frau Gothel, kann die Mutter nicht zulassen. Deshalb sperrt sie Rapunzel mit 12 Jahren in einen Turm, der keine Tür hat sondern nur ein kleines Fensterchen, aus dem Rapunzel auf eine Welt schaut, in der ihr jede eigene Erfahrung verwehrt wird.

Jeden Tag nun kommt Frau Gothel zu Rapunzel und lässt sich an deren langen Haaren hochziehen.

Die Haare von Rapunzel stehen für die weibliche Kraft, für Leben und Lebendigkeit.

Es ist die Kraft, die den Garten der Welt zum Blühen bringen kann. Diese frische jugendliche Kraft ist es, die die Mutter braucht.

Der entscheidende Wendepunkt, der Rapunzel verhilft, ein anderes Leben zu führen als ihre Mutter und sich aus der Isolation zu befreien, sind die Worte des Königssohns:

«„Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter.” Alsbald fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf. Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, …»

Dieser gewaltige Schreck ist der Auslöser, der ihre Angst zum Verschwinden bringt. Sie öffnet sich einem Mann, und damit ist die Starre aufgelöst. Diesen Schritt ins Leben muss eine Frau gehen, um die böse Zauberin zu vertreiben. Öffnet sie sich dem männlichen Prinzip (Aktivität) und lässt es in ihr Leben, vertreibt dieser Entschluss ihre Angst und führt in die nächste Reifungsphase. Jetzt ergreift Rapunzel die Initiative und überlegt sich, wie sie vom Turm hinab kommen kann. Der Prinz soll sie auf seinem Pferd mitnehmen in ein erfülltes Leben.

Aber Rapunzel verrät sich selber. Wieso?

«Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte „sag sie mir doch, Frau Gotel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.“ „Ach du gottloses Kind,“ rief die Zauberin, „was muß ich von dir hören, ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!“»

Warum provoziert Rapunzel den Zorn der Frau Gothel geradezu?

Weil es Rapunzel den Schritt der Trennung leichter macht: Wäre sie heimlich mit dem Königssohn gegangen und hätte ihre Mutter im Elend zurückgelassen, hätte sie sich von den Schuldgefühlen kaum befreien können. So ist es die Mutter, die ihre Tochter Rapunzel verstößt.

In der Wut schneidet Frau Gothel ihrer Tochter die Haare ab – was bedeutet das?

Wie schon erwähnt, stehen Haare symbolisch für die weibliche Kraft und für Entwicklung, um ein authentisches und kraftvolles Leben führen zu können. Die Mutter konnte nur daran teilhaben, indem sie Rapunzel ganz für sich einnahm. Jetzt trennt sie Rapunzel von dieser Lebenskraft ab, genauso wie ihr eigenes Leben immer davon abgeschnitten war. Nun gewinnt die alte egoistische Zauberin wieder die Überhand; nun soll auch kein anderer von dieser Kraft profitieren können.

Was steht nun einer Frau bevor, die sich von einer besitzergreifenden Mutter gelöst und im übertragenen Sinn die Haare abgeschnitten bekommen hat?

  • Eine langjährige emotionale Bindung zu einem Menschen muss aufgelöst werden
  • Ihr vertrautes geschütztes Leben bricht zusammen
  • Das hat mit Loslassen zu tun
  • Sie muss neue menschliche Kontakte knüpfen
  • Ein neuer Lebens- und Schaffensraum muss aufgebaut werden

In dieser Zeit des Übergangs und der Entwicklung hat Rapunzel keinen Zugang zu ihrer urweiblichen Lebenskraft, und diese steht ihr erst wieder zur Verfügung, wenn sie sich einen neuen festen Platz geschaffen hat. Erst wenn eine Frau in sich ruht, wenn sie ihre Mitte gefunden hat, kann diese Kraft wieder fließen.

Im Märchen hat Rapunzel am Ende aus eigener Kraft ihren Lebensgarten gefunden und erblühen und wachsen lassen.

Rapunzel hat Abstand zu ihrer Mutter gewonnen, einen sie liebenden Mann gefunden, ein eigenständiges Leben aufgebaut und zwei Kinder geboren.

Die Geschichte Rapunzels mit ihrem positiven und Mut machenden Ausgang ist ein sehr hilfreicher Wegweiser für jene Frauen, die nach Lösungen für ein kraftvolles und selbstbestimmtes Leben in Fülle suchen.

Die wesentlichen Kernaussagen vom Märchen Rapunzel

  • Frauen müssen sich ihren Platz im Leben (Garten) selber aktiv einrichten, um ein glückliches und selbstbewusstes Leben in Fülle führen zu können.
  • Frauen sollten nicht einfach übernehmen, was ein anderer Mensch oder das Leben ihnen „vorsetzt”.
  • Eine Frau darf nicht passiv in der Erwartungshaltung stecken bleiben und auf ein Wunder hoffen, bis sie verwelkt. Sie sollte mutig alle ihre Seiten annehmen und ihre Angst überwinden.
  • Kinder brauchen eine Mutter, die ein ausgefülltes Leben führt. Kinder wollen an diesem Leben teilhaben und nicht selber ausschließlicher Lebensinhalt sein.
  • Wenn eine Frau das Gefühl hat, das Leben gehe an ihr vorbei oder vor lauter Arbeit verpasse sie ihr Leben, so hat sie den Garten der Zauberin noch nicht betreten.
  • Eine Frau hat die Kraft, ein üppiges, lebendiges, buntes Leben zu leben, das alles bereit hält, was für ein authentisches Leben benötigt wird. Unter der Voraussetzung, dass sie den Schritt in den Garten wagt.

Und die Botschaft dazu, die mich jeden Tag neu zum Staunen bringt:

Unsere Welt und all die Geschehnisse, die uns begegnen, sind nicht von vornherein vorgegeben. Unser Lebensraum, die Welt um uns herum, wie wir sie wahrnehmen, ist wählbar.

Zwar meinen wir, die Ereignisse und alles was uns geschieht, sei, wie es ist, und wir müssten uns dem fügen. Das Märchen Rapunzel jedoch teilt uns etwas anderes mit: Wir bestimmen, wie wir Frauen unsere Welt erleben; bunt und fröhlich oder trist und traurig.

Die Frau ist die Welt.

Rapunzel-Lounge Astrid Ryzek

Astrid Ryżek verbindet ihr künstlerisches Gespür mit tiefem Wissen, was an geistiger Kraft in den Dingen und Bildern für uns bereit liegt. Integriere Bilder der Kraft in dein Leben. Höre ihre Botschaften. Lass Veränderung leicht geschehen.
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